Wie war das, als du das erste Mal über den Tod nachgedacht hast? Wahrscheinlich hat es dir Angst gemacht. Und vielleicht machst du seitdem einfach einen großen Bogen um das Thema…. In unserem Leben planen wir eigentlich so gut wie alles. Wir planen Geburtstage, Hochzeiten, das Familienleben, unsere Selbstoptimierung … Aber den Tod? Nicht wirklich. Dabei gehört gerade er zum Leben dazu.
Das hier ist ein Podcast über den Tod. Ich, Johanna Bowman, treffe mich mit Menschen, um mit ihnen über das zu reden, was uns alle sicher erwartet, das aber kaum jemand wagt anzusprechen.
Warum ich das mache? Weil es den Tod weniger furchteinflößend macht. Und weil ich finde, wir müssen unbedingt lockerer damit umgehen. Das Wichtigste ist aber: Wenn du dir bewusst bist, dass das hier jeden Moment vorbei sein könnte, dann siehst du nicht nur den Tod mit anderen Augen – du siehst auch das Leben mit anderen Augen. Das hier ist also auch ein Podcast über das Leben…

-Unser nächster Halt in wenigen Minuten: Hamburg Hbf –

Ich bin auf dem Weg von Köln nach Hamburg. Ich treffe mich mit Madita van Hülsen und Anemone Zeim. Die beiden haben die Trauerberatung und Erinnerungswerkstatt „Vergiss mein nie“ gegründet. Das Besondere an Anemone und Madita ist: Die beiden sind völlig anders als man sich so den klassischen Trauerberater/Trauerberaterin vielleicht vorstellt. Sie sind jung, sympathisch und unverkrampft. Und mit ihnen will ich über den Tod und die Trauer sprechen. In dem hellen, freundlichen Büro der beiden angekommen, frage ich Anemone als erstes, warum wir uns heute so schwer mit diesem Thema tun. Anemone sagt, das liegt unter anderem daran, dass der Tod früher viel mehr Teil des Lebens war….

A: Der Tod und das Sterben war viel mehr in den Familien integriert. Also wenn man sich überlegt, der Bestatter ist ja ein Dienstleister. Früher gab’s den Schreiner, der hat dann einen Sarg geschreinert, wenn jemand gestorben ist. Und der Seelsorger, das war meistens ein Geistlicher, der hat sich eben darum gekümmert, dass man das gut verdaut auch psychisch. Und durch die Entwicklungen jetzt ist die Kirche arg zurückgedrängt. Jetzt gibt’s halt nur noch den Bestatter, der eben seine Dienstleistung macht und gar keinen seelsorgerischen Auftrag hat. Und die Familienverbände werden natürlich jetzt kleiner und da ist wenig Zusammenhalt oder auch diese ganze Familienstruktur nicht mehr gegeben. Also früher ist die Oma schwächer geworden und irgendwann wurde sie ganz still und irgendwann hat sie einfach aufgehört zu atmen. Und die Kinder haben das mitgekriegt, und es wurde irgendwie zu Hause getrauert und die wurde zu Hause aufgebahrt und man konnte sie noch mal anfassen und es gab irgendwie dieses Trauerjahr und verschiedene Rituale, die einfach völlig in der Kultur verankert waren. Da sind wir jetzt völlig weit weg von.

Anemone findet allerdings auch, dass das es schon ganz gut ist, wenn sich manche Dinge im Lauf der Zeit ändern. Sie und Madita möchten deshalb auch keine alten Rituale wiederbeleben, sondern eher neue schaffen.
Anemone und Madita kennen sich noch gar nicht so wahnsinnig lange. Die beiden kommen eigentlich aus völlig anderen Berufen. Anemone ist Texterin, Madita ist Moderatorin. Vor ein paar Jahren haben sie sich – eher zufällig – kennengelernt und sind irgendwie auf das Thema Tod zu sprechen gekommen.

A: Wir zwei können uns so enorm gut über dieses Thema unterhalten, ohne dass wir das Gefühl haben, wir treten hier auf Minen rum. Sondern wir hatten das Gefühl, wir geben uns unheimlich viel dadurch, dass wir auch Sachen ausgesprochen oder Fragen gestellt haben, die man vielleicht gar nicht stellt. Und wir haben irgendwie gedacht, es wäre schön, so einen Raum zu schaffen, wo diese ganzen Gedanken möglich sind, weil die hat jeder Mensch. Wir sind ja irgendwie total vereinigt in diesem Wissen. Wir wissen alle nicht, was passiert nach dem Tod, das ist total spannend. Aber jeden interessiert’s, aber alle haben Angst davor, aber wenn man merkt, dass man nicht alleine ist, hat man ein bisschen weniger Angst.

Der Tod an sich spielt sowohl für Anemone als auch für Madita schon länger eine Rolle. Er wurde – wie es so oft der Fall ist – zum Thema, als zum ersten Mal ein Mensch starb, der ihnen nahestand. Anemone erzählt mir, wie sie nach einem Todesfall im Familienkreis einen Bestatter fast um die Nerven gebracht hat, weil ihr und dem Rest der Familie dessen Standard-Angebot an Urnen einfach nicht gefielen. Und wie sie sich gefragt hat, warum Trauerkarten eigentlich immer nur schwer und düster sind – statt ein wenig „neutraler“ das Leben abzubilden, das da nun ein Ende gefunden hat. Auch Madita erinnert sich noch gut daran, wie ihr der Tod bewusst wurde…
M: Für mich war das einschneidenste Erlebnis tatsächlich, dass mit 20 Jahren ein guter Freund gestorben ist. Da hat sich für mich alles geändert, weil ich das erste Mal gemerkt habe: Krass, es kann von einer auf die andere Sekunde vorbei sein. Dann hab ich sehr, sehr viele Sachen in meinem Leben geändert. Und ich hab wirklich angefangenen, so gut es geht im Moment zu leben und wirklich das zu tun, was ich im Moment gerade tun will. Und „Vergiss mein nie“ war für mich eine zum Glück große Weiterentwicklung, weil ich schon ganz lange mit dem Thema etwas machen wollte. Ich war auch schon öfter im Hospiz und habe mir überlegt, ob ich da noch mal eine Ausbildung mache. Ich hab mich ganz viel damit beschäftigt, und es war einfach ein total magischer Glücksgriff, dass ich an diesem einen Mittagessen mich mit Anemone treffen durfte und wir uns wirklich so gut verstanden haben und dass wir gemerkt haben, daraus kann sich eine ganz tolle Idee entwickeln.

J: Hast du Angst vor dem Tod?

M: Mmmh. Ne, ich habe Angst vor Krankheit zum Beispiel. Ich glaube das ist auch das, was viele Menschen meinen, wenn man sie fragt, ob sie Angst vor dem Tod habe n. Ich glaube nicht, dass man Angst vor dem Tod haben muss. Wenn man eben mit Menschen spricht, die schon mal dabei waren, wenn jemand gestorben ist, sagen die meisten, es nimmt einem die Angst. Und ich zum Beispiel habe auch zwei Wochen beim Bestatter hospitiert, und mir hat es viel Angst genommen. Ich hab nur Menschen gesehen, die friedlich aussahen, ich habe gar keinen Menschen gesehen, der nicht friedlich aussah im Tod.

Nachdem sich Anemone und Madita also gefunden haben, lassen sie sich zu Trauerbegleiterinnen ausbilden, seit 2015 haben sie ihr kleines Büro in HH Altona. Dort sitzen wir drei noch gar nicht so lange auf dem Paletten-Sofa im Hinterzimmer, aber kann mir vorstellen, wie das erste Treffen der beiden ungefähr ausgesehen haben könnte. Denn auch ich merke, wie gut man mit den beiden über dieses vermeintlich schwierige Thema sprechen kann. Wir kommen so schnell zur Sache, dass ich meine Fragen umschmeiße und die beiden etwas frage, das ich vielleicht noch nie jemanden zuvor gefragt habe: Was glaubt ihr, was passiert, wenn wir sterben?

A: Ich weiß es nicht so ganz genau. Also ich war dabei, als meine Mutter starb, und ich hatte unheimliche Angst davor, vor diesem Moment. Ich habe mich vollkommen dagegen gesträubt. Es war auch kein einfaches Sterben, es war ziemlich anstrengend für alle Beteiligten. Und dann – es war im Hospiz – kam irgendwann so eine Pflegerin rein und meinte: Das ist so wie bei einer Geburt. Bei manchen Leuten ist das total einfach, die bringen ihr Kind innerhalb von einer halben Stunde auf die Welt. Und manche haben halt den ganzen Tag Wehen. Und so ist das auch beim Sterben. Und das war irgendwie unheimlich tröstlich, dieser Vergleich. Und ich glaube eben, dass ein Kreislauf sich dann wieder schließt. Also meine Mutter hat gesagt, kurz vor ihrem Tod: Wenn ihr irgendwann mal ein Vögelchen seht oder so, das bin bestimmt ich, weil ich glaube ich werde so ein kleines Rotkehlchen oder so. Und inzwischen ist es wirklich so, dass ich manchmal nach Vögelchen Ausschau halte und mich dann auch freue. Also ich glaube, dass es schon irgendwie weitergeht. Weil das ist unheimlich viel Energie, die so in einem Menschen entsteht über die Jahre, und das glaub ich nicht, dass da einfach die Tür zu geht und dann einfach nichts mehr ist. Also ich glaube, es geht irgendwie über in was Anderes und das ist manchmal beschützend, manchmal ist das so ein kleiner Singvogel irgendwo. Das ist irgendwie gut, das glaub ich ganz stark, dass die noch irgendwie um mich herum ist.

In ihrer Arbeit als Trauerbegleiterinnen kümmern sich die beiden um die Hinterbliebenen. Trauernde setzen sich oft selbst oder unter Druck oder bekommen irgendwann von ihrem Umfeld zu spüren, dass es wieder Zeit wird zur „Normalität“ zurückzukehren. Vielen Klienten erklären Anemone und Madita deshalb, dass es wichtig ist, auf das zu hören, was einem selbst guttut und dass die Trauer uns sehr lange begleiten kann. Trauer ist schwer, langsam und ein so behäbiges Gefühl, das eigentlich überhaupt nicht mehr in unsere schnelllebige Welt passt. Anemone nennt die Trauer deshalb einen Dinosaurier in uns…

A: Du kannst diesen Dinosaurier halt nicht überholen. Den musst du halt einfach irgendwann liebhaben, das kleine Trauermonster liebhaben, und irgendwie auch als neuen Teil des Lebens, oder des eigenen Seins, akzeptieren und dann wird es irgendwann ein Freund. Und interessanterweise sagen viele Leute, die diesen Weg gegangen sind und die sich der Trauer quasi gestellt haben, die sagen auch, es ist auch anders gut geworden. Es ist eine Lebensveränderung erstmal und nichts Anderes und das ist nicht schlechter. Trauer ist natürlich ein Abschied von den Plänen, die man hatte und von der Sicherheit, die in diesen Plänen liegt. Und natürlich auch oft eine materielle Sicherheit und sowas. Es ist so einfach gesagt, aber wenn bei Ehepaaren mit Kindern der Haupternährer wegbricht, dann ist das eine ganz große Katastrophe. Da kann natürlich das Umfeld auch total viel helfen. Auch ganz profan. Mit „Wir sammeln mal für Elke“ und so, das geht alles. Da muss man manchmal vielleicht nur ein bisschen auf die Idee kommen, dass das geht und wie man das dann auch übergibt.

J: Ja, das ist so die andere Sache, auf die ich noch zusprechen kommen wollte: Einfach vielleicht mal so ein paar „praktische“ Tipps sozusagen … Weil wenn man selbst noch nie mit so einem Trauerfall zu tun hatte, und dann ist es im Freundeskreis oder im Kollegenkreis (der Fall) … Und manchmal nimmt das ganz absurde Ausmaße an, weil eigentlich niemand weiß, wie er jetzt so reagieren soll. Und oft – das hab ich schon so mitgekriegt – denken viele Leute „Ich lass ihn mal, wenn er oder sie reden möchte, dann kommt er schon“. Aber ich fand das immer total doof…

M: Das ist auch total doof. Also tatsächlich kommen zu uns viele Trauernde, die sagen, dass Menschen jetzt die Straßenseite wechseln. Weil die Leute nicht wissen, was sie sagen sollen. Das ist nicht böswillig, aber es entsteht aus Hilflosigkeit. Das ist ganz schlimm, weil der Trauernde dann auch noch so behandelt wird als hätte er eine ansteckende Krankheit. Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, dann sagt einfach ganz ehrlich: „Es tut mir total leid, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist schrecklich.“ Weil es ist schrecklich. Es ist scheiße. Trauer ist immer furchtbar. Da kann man auch manchmal einfach gar nichts dazu sagen. Wenn der Trauernde das zulässt, wenn man das merkt, dann kann man ihn auch einfach länger umarmen als sonst, um ihm zu zeigen, dass es einem leidtut. Oder ihm länger in die Augen gucken, wie auch immer. Es gibt wirklich ganz, ganz viele Möglichkeiten. Oder eine Karte schreiben, wenn einem danach ist, wenn man das Gefühl hat, dass man das besser kann. Das sind alles so Sachen, wo es wirklich darum geht, den Trauernden halt nicht alleine zu lassen. Auch bei Kollegen, die dann sagen, ich trau mich gar nicht mehr, mit dem im selben Fahrstuhl zu fahren. Ja, unbedingt! Fahrt bitte unbedingt im selben Fahrstuhl! Also, wenn ihr das Gefühl habt, ihr möchtet ihn jetzt nicht darauf ansprechen, gut, das müsst ihr ja nicht machen, aber ihn zu meiden wäre mit das Schlimmste. So wie es bei Freunden auch oft ist, dass sie denken: „Gut, der befindet sich gerade in Trauer, am besten, wir laden ihn nicht zum Essen ein.“ Bitte unbedingt die Trauernden weiter zu Abendevents und zum Essen einladen! Denn das bedeutet, ihr habt sie nicht vergessen. Es kann sein, dass sie nicht kommen. Aber irgendwann kommen sie wieder. Oder wenn sie kommen, kann es sein, dass sie am Tisch anfangen zu weinen, weil sie traurig sind. Dann akzeptiert es so, versucht es nicht wegzutrösten. Sondern seid Freunde und versucht für denjenigen da zu sein.

A: Viele Leute kommen und wollen dann so eine Art Satz, der immer passt. So: „Sagt uns doch mal, den Satz und dann kann ich den einfach vor mir hertragen.“ Aber das Spannende ist ja, dass das in jedem von uns drinsteckt. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“ beantwortet sich ganz leicht, wenn man sich selber fragt: „Hey, guck mal, wenn ich jetzt in so einer schlimmen Situation wäre, was würde ich denn gesagt bekommen wollen?“ Oder, wenn man da nicht draufkommt: „Was fände ich richtig scheiße, wenn das jemand zu mir sagt?“ Und die Sätze einfach gleich mal streichen. Und dann geht’s halt weiter, also dass man sich überlegt, wie weit will ich überhaupt helfen? Also bin ich jetzt irgendwie derjenige, der jeden Tag daneben sitzt und die Hand hält? Oder bin ich mehr der Typ, der mal eine Suppe vorbeibringt? Oder bin ich jemand, der eine Karte schreibt, aber da halt total viel Persönliches reinschreibt? Oder was bin ich? Ich muss ja nicht total aufopfern für jemanden, sondern ich kann mir überlegen, was ich mache. Wichtig ist an diesem Punkt zu überlegen, was kann ich machen, wenn ich etwas machen möchte, was länger über einen längeren Zeitraum durchhalte. Es gibt diese zwei Wochen, wo der totale Trubel herrscht bei den Trauernden. Und dann fährt dieser „Beerdigungszirkus“ nennen wir ihn immer liebevoll einfach weg und dann bleibt so ein Loch. Und wenn da auch alle Freunde schon quasi ihre Energie ausgepowert haben, dann ist das irgendwie doppelt schade.

Anemone und Madita sind aber nicht nur Trauerberaterinnen. Ihre Agentur „Vergiss mein nie“ ist zum großen Teil auch Erinnerungswerkstatt. Das bedeutet, die beiden fertigen auf Wunsch individuelle Erinnerungsstücke für Hinterbliebene. Denn am Ende ist die Erinnerung, alles was bleibt, und Anemone und Madita möchten das Leben eines Verstorben auf besondere Weise einfangen. Ihre Werke sollen mehr ausdrücken als es ein gerahmtes Foto an der Wand kann. Ich frage Anemone, ob sie mir ein Beispielexemplar zeigen kann. Die meisten Kreationen der beiden sind Einzelstücke und werden von den Auftraggebern irgendwann abgeholt. Aber ich habe Glück…

A: Ich hab ein Erinnerungsstück. Ein kleines aber feines!
J: Soll ich mitkommen?
A: Ne, du kannst dableiben.
J: Okay.
A: Komm gleich wieder.

Anemone kommt aus dem vorderen Teil des Büros zurück in das Hinterzimmer. In der Hand hat sie ein kleines quadratisches Buch, ungefähr 20 x 20 cm groß, das in hellblauen Stoff gebunden ist. Es sieht aus wie ein Fotoalbum oder ein Gästebuch….

A: Das wirkt recht unscheinbar, aber es hat eine unheimliche Magie inne, denn es war eines unserer ersten Projekte für Vergiss mein nie. Da wurden wir angefragt, eine junge Frau war gestorben, mit Anfang 40, die hatte zwei kleine Kinder, die waren 2 und 4, also noch superklein. Sie hat einen recht aggressiven Krebs gehabt und ist dann innerhalb von ein paar Wochen auch verstorben. Und das Besondere an ihr war eigentlich, dass sie einen enorm riesigen Freundeskreis hatte, die sich alle schon seit der, weiß ich nicht, seit der Grundschule kannten und ganz intensiven Kontakt hatten. Das waren so 16-20 Leute, die haben uns dann kontaktiert und haben gesagt: „Wir möchten so gerne was für die Kinder tun, wir möchten so gerne einen Baum pflanzen. Könnt ihr uns dabei helfen?“ Und wir haben gesagt: „Ja, das können wir. Das ist auch schön, das ist was für euch, für euch als Gemeinschaft. Einer fehlt, ihr macht was Neues. Aber es ist eigentlich nichts für die Kinder. Ihr habt einen riesigen Schatz, den habt ihr nur noch nicht entdeckt.“ Weil die Kinder mit 2 und 4 haben noch kein autobiographisches Gedächtnis. Das heißt sie haben eigentlich keine Erinnerung an die Mutter. Und wir haben aber jetzt 20 Leute, die ein ganzes Leben mit der Mutter erlebt haben. Und dann haben wir gesagt: „Das mit dem Baum macht ihr mal selber, das ist ja auch nicht so schwer. Aber wir machen jetzt mal so eine Art Buch, und da erzählt ihr einfach das Leben der Mutter nach und dann schenken wir das den Kindern, weil das ist total wichtig für die. Früher oder später ist das megawichtig. Und jetzt haben wir von klein bis nach der Hochzeit ganz subjektive Erinnerungsgeschichten drin, mit ganz viel Fotos und so. Und das ist ganz spannend….
J: Darf ich mal aufmachen?
A: Du darfst mal reingucken, aber wichtig ist auch, was hier steht. Das ist ihre Handschrift. Da steht auf dem Titel „Vergiss du uns nicht, wir vergessen dich auch nicht.“ Und zwar gabs irgendwie einen Schüleraustausch und dann ist die Freundin nach USA gegangen und sie hat, also die Verstorbene, ihrer Freundin noch geschrieben: „Vergiss du uns nicht, und dann vergessen wir dich auch nicht.“ Und sie hatte diesen Zettel aufbewahrt 20 Jahre lang. Und hat ihn dann hergebracht. Weil es so gut gepasst hat und weil es so irre ist, dass dieser Satz jetzt wieder zufällig auftaucht, haben wir den da draufdrucken lassen.
Wir blättern ein bisschen durch das Buch, es wirkt recht übersichtlich. Ich sehe ein paar Fotos, auf der gegenüberliegenden Doppelseite stehen kurze Texte. Ich lese keinen davon, irgendwie fühlt es sich komisch an, ein fremdes Leben in den Händen zu halten. Als Anemone an der Umsetzung des Buches saß, dachte ihr Freund, dass sie das unheimlich traurig machen müsste. Aber eigentlich war es genau andersherum, sagt Anemone…
A: Das ist halt das pure Leben, was hier erzählt wird. Traurig ist, dass das aufgehört hat. Aber dieses Buch ist überhaupt nicht traurig. Es ist einfach total schön. Das freut einen so, dass jemand so gut erinnert wird und so schön erinnert wird. Und auch so witzig. Also, dass die Freunde auch die doofen Geschichten ausgepackt haben, dass das auch dazugehört. Das ist total schön, weil das gibt einem auch die Hoffnung, dass es möglich ist, die Frage zu beantworten, wie werde ich erinnert.

Wie werde ich erinnert? Darüber habe ich noch gar nicht so sehr nachgedacht. Mich beschäftigt ehrlich gesagt viel eher die Frage, was ich noch alles machen möchte im Leben … Deshalb fasziniert mich eine Aktion der US- amerikanischen Künstlerin Candy Chang auch so sehr. Candy Chang hat in ihrer Heimatstadt New Orleans große Tafelwände aufgestellt, auf denen Passanten dann mit Kreide diesen Satz vervollständigen konnten: „Before I die I want to…“ Die Aktion hat Ableger in vielen anderen Städten der Welt gefunden. Und ich frage auch Madita und Anemone: Was möchtet ihr noch unbedingt machen?

M: Das ist ja die berühmte Bucketlist.
J: Eine Sache!
M: Eine Sache? Achso! Aber ich bin ein großer Listenfreund, ich kann mich nämlich wahnsinnig schwer entscheiden. Eine einzige Sache, die ich noch machen möchte? … Kinderkriegen!
A: Ich glaub, ich möchte auf einem Hausboot leben. Das klingt so klein….
M: Nö.
A: Manchmal will ich auch einfach nur schlafen.
M: Wenn ich wüsste, ich muss in einer Stunde sterben wär’s wahrscheinlich Sex.
A: Oder noch mal Lasagne oder so.
J: Dann sind’s die kleinen Dinge manchmal?
A: Ja, absolut.
M: Absolut!

Bisher fand ich es eigentlich einfach nur albern, dass wir einen so großen Bogen um den Tod machen, der uns doch allen bevorsteht. Aber nach meinem Gespräch mit Anemone und Madita wird mir klar, dass es viel mehr Gründe gibt, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Es hilft, zu kapieren, was wirklich wichtig ist im Leben und es hilft, sich Ziele zu setzen. Aber es sind auch ganz praktische Dinge, wie eben zu wissen, wie ich einem trauernden Freund oder Kollegen begegnen kann oder was ich für einen Besuch beim Bestatter wissen sollte. Und dass man sowas ruhig auch schon mal in Erfahrung bringen kann, bevor das Chaos eines Trauerfalls hereinbricht. Ich glaube, es gibt noch vieles, worüber wir hier sprechen können…

Vielen Dank Anemone und Madita, dass ihr euch die Zeit für dieses Gespräch genommen habt. Wer mehr über die beiden und „Vergiss mein nie“ erfahren möchte, kann das unter „vergiss-mein-nie.de“ tun. Die beiden sind unheimlich aktiv und kreativ in diesem Bereich. Ihr findet auf der Website Infos zu den Workshops, die die beiden anbieten. Außerdem haben sie ein Buch und einen Kalender herausgebracht.

01 Trauer ist ein Dinosaurier – Transkript

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