Ihr hört einen Podcast über den Tod. Das hört sich aber trauriger an als es ist. Versprochen. Er heißt immer und endlich. Und ich bin Johanna Bowman.

Ich empfinde den Tod nicht als einen Dieb, der mir das Leben wegnimmt. Sondern eher als jemanden, der … als einen guten Freund, der mich an das Wesentliche erinnert.

Das ist Johanna Wilke. Meine Namensvetterin ist 28 Jahre alt und arbeitet als Bestatterin und Sterbeamme in Hamburg. Ich habe Johanna getroffen, um mehr über ihre spannende Sichtweise auf den Tod und vor allem ihre Arbeit als Sterbeamme zu erfahren.
Eigentlich wusste ich vor meinem Besuch bei Johanna nicht viel über Sterbeammen. Ich wusste, dass es private Ausbildungen zu diesem Beruf gibt, so wie sie eben auch Johanna absolviert hat. Aber das war’s auch fast schon.
Weil sich der Begriff „Sterbeamme“ an die „Hebamme“ anlehnt, habe ich mir – etwas vereinfacht – vorgestellt, dass eine Sterbeamme Menschen nicht ins Leben, sondern aus dem Leben hilft. Es stellt sich allerdings heraus, dass sich Johannas Beruf nicht ganz so simpel erklären lässt. Und nicht nur davon, hatte ich ein falsches Bild.

Als du gesagt hast, wir treffen uns in deinem Büro, hab ich mir ein bisschen was anderes vorgestellt. Hast du kein Bestattungsinstitut oder so?

Irgendwie hatte ich mir vorgestellt, Johanna hätte ihr Büro in einem – vielleicht etwas dunklen – Bestattungsinstitut und würde aus irgendeinem Grund einen dunklen Hosenanzug tragen. Letzteres hab ich mir wahrscheinlich vorgestellt, weil ich Fotos von Johanna gesehen hatte, auf denen sie das tut. Aber ich hatte eben auch die klassischen Vorurteile gegenüber Bestattern bzw. Bestatterinnen im Kopf.
Die Adresse, die mir Johanna gegeben hat, führte mich aber zu einer Bürogemeinschaft und nachdem ich 3 Mal überprüft habe, dass ich auch richtig bin, hab ich dann auch Johannas Namen auf dem Klingelschild entdeckt. Ganz unscheinbar, neben einigen anderen.
Johanna hat mir erstmal erklärt, dass sie in Teilzeit in einem Bestattungsinstitut angestellt ist. Und in der übrigen Zeit arbeitet sie freiberuflich als Sterbebegleiterin oder Sterbeamme. Wenn sie in dieser Rolle eben nicht gerade, wie sie sagt, „bei den Menschen arbeitet“, hat sie in dieser Bürogemeinschaft einen Ort, an dem sie sich um das Organisatorische kümmern kann, um ihre Website, ihren Blog und eben Termine wie mich.
Hier sitzen wir jetzt in einem Konferenzraum – und ach ja, Johanna trägt übrigens weder Hosenanzug noch dunkle Farben oder gar Schwarz. Sie hat eine helle, gemütliche Strickjacke an und einen bunten Schal.
Das hätten wir also geklärt. Aber was macht denn nun eine Sterbeamme genau? Johanna betont, dass ihre Arbeit sehr vielfältig ist und eben so individuell wie die einzelnen Menschen, um die sie sich kümmert. Als Erstes erfahre ich aber schon mal, dass es nicht nur Sterbende sind, sondern auch deren Angehörige bzw. Trauernde, die sich an Johanna wenden.

Die Leute kommen mit einer konkreten Frage oder einem konkreten Wunsch. Oder einer Situation, die sie schildern, wo dann hervorgeht: Liegt dort jemand im Sterben oder geht es um jemanden, der schon verstorben ist, wo jetzt die Trauerbewältigung im Alltag gemeistert werden muss.
Es ist sehr ausgeglichen, oft geht es um Menschen, die sich auf ihren eigenen Tod vorbereiten wollen, auch wenn sie noch nicht krank sind. Die konkrete Fragen haben zu ihrer eigenen Bestattung, zu ihrem eigenen Tod. Die vielleicht durch Medien Informationen bekommen haben, die sie verunsichert haben.
J: Was meinst du damit?
Naja, die Medien berichten manchmal in einem sehr reißerischen Ton über dieses Thema. Immer wieder gibt es Berichte, die Sterben, Tod und Trauer in so eine ganz bestimmte Ecke stellen. Die den Bestatter als Begleiter in der Situation sehr kritisch beäugen, weil es natürlich schwarze Schafe in diesem Beruf gibt – wie es in jedem anderen auch! Immer wieder sehe ich Fernsehberichte oder Reportagen von alteingesessenen Bestattern im schwarzen Anzug, mit schwarzer Krawatte, die sich im Keller zurechtmachen, ihren Schnurrbart noch mal kämmen, um dann ins schwarze Bestattungsauto zu steigen um den Angehörigen einen Katalog vorzulegen, wo dann in Folien irgendwelche vergilbten Bilder von Blumenbouquets sind. Das ist Bestattungswesen nicht mehr unbedingt.

Neben den Begleitungen leistet Johanna also auch Aufklärungsarbeit. Sie will Ängste abbauen und Vertrauen schaffen. Und es ist ihr ein sehr großes Anliegen, dass der Tod einfach wieder mehr Platz in unserem Leben findet.

Es geht nicht nur um den Sterbeprozess am Ende des Lebens, sondern es geht vielmehr darum, dass wir uns mitten im Leben Gedanken über das Sterben machen, damit den Tod an sich oder das Sterben selbstbestimmter gestalten kann.

Vor allem ärgert sich Johanna…
… dass da eher unbewusst umgegangen wird mit dieser Endlichkeit. Dass man immer Redewendungen hat wie „Das mach ich beim nächsten Mal“, „Mir fehlt das Geld“, „Mir fehlt die Zeit“ … Es gibt immer Gründe dafür, dass man Dinge nicht tut, die man eigentlich gerne tun würde. Ich glaube, es geht ganz stark darum, bewusster mit dem Thema „Wie möchte ich leben“ umzugehen. Gleichzeitig kann man damit bewusster umgehen, wenn man sich bewusst macht, dass wir alle sterben werden. So wie wir sind.

Oft wird der Tod allerdings erst z.B. durch die Diagnose einer tödlichen Krankheit greifbar. Dann werden im Leben plötzlich andere Dinge wichtig. Ich wollte von Johanna natürlich wissen, wie so eine Begleitung aussieht. Was geht den Menschen, die sich plötzlich in so einer Extremsituation wiederfinden, durch den Kopf?

Es sind die Dinge, die versäumt wurden. Die Dinge, die man im Leben nicht getan hat, wovor man vielleicht zu viel Angst hatte. Aber es geht nicht immer nur darum, was ist vielleicht im Leben nicht gut gelaufen. Sondern es geht auch darum Resümee zu ziehen und zu schauen, was liegt denn in der anderen Waagschale. Es ist auch nicht immer so, dass es nur um das Thema Sterben geht. Weil es nicht unbedingt braucht über den Tod zu sprechen, um sich zu verstehen. Manchmal geht es um eine bewusste und achtsame Begleitung und einfach das Dasein. Da kann’s in einem Moment wichtig sein, dass man an die frische Luft geht und einfach schweigt und gemeinsam spazieren geht. Und dann vielleicht auf der nächsten Parkbank einen Moment hat, in dem man sich fragt, was kommt wohl danach?
Im Sterbeprozess laufen auf ganz vielen unterschiedlichen Ebenen sehr intensive Prozesse ab. Da ist nicht immer nur der Tod ein Thema. Manchmal sind es auch Dinge, die ganz viel mit dem Leben zu tun haben oder Dinge, die ganz viel mit der alltäglichen Situation zu tun haben.
J: Zum Beispiel?
Ob es das Essen gibt, das man sich gewünscht hat, und ob das gut geschmeckt hat. Oder ob es vielleicht doch noch mal den Gang zum Kiosk gibt, wo man sich eine Schachtel Zigaretten kaufen kann. Es sind tatsächlich auch an der Stelle einfache Dinge, die wichtig sind.

Wir alle werden sterben oder wie Johanna mit einem Lächeln sagt: Das Leben ist für uns alle tödlich.
Dennoch versuche ich mir vorzustellen, wie es ist, z.B. mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert zu sein. Wie gehen Menschen damit um, wie groß ist die Angst?

Es ist wirklich unglaublich individuell. Natürlich ist eine ganz große Unbekannte da, weil man nicht weiß, was danach kommt. Wenn man eine Urlaubsreise bucht, weiß man in der Regel, wohin man mit dem Flugzeug fliegt, wo man ankommt, wie es ausschaut, was für ein Klima dort ist. Das weiß man natürlich im Sterben nicht. Auf der anderen Seite hilft es vielen, in so einem Moment eine Bilderreise zu machen und eine Idee zu entwickeln, wie würde ich es denn schön auf der anderen Seite finden? Wie stell ich mir den Ort vor, wo ich ankomme? Glaube ich denn an einen Ort, glaube ich daran, dass es ein Danach gibt? Es gibt ja auch Menschen, die das nicht glauben. Das Wesentliche, was ich aus der Sterbeammen-Ausbildung mitgenommen habe ist, dass es immer eine 50%ige Chance dafür und eine 50%ige Chance dagegen gibt.
Ich persönlich glaube, dass es ein Danach gibt. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich da, wo ich dann ankommen werde, wenn ich gestorben bin, auch Menschen treffen werde, die mir wichtig sind. Ich bin einfach ziemlich gespannt darauf, ob man das dann weiß, dass es dieses Leben hier gab. Ob mir das in dem Moment, wenn ich gestorben bin, klar ist, dass ich durch eine so große Tür gegangen bin.
Ich hab schon das Gefühl, dass das ganze Leben uns auf diesen Sterbeprozess vorbereitet. Viele Prozesse im Alltag, die man im Kleinen und Großen immer wieder durchleben kann, haben ganz viel damit zu tun, loszulassen und sich auf neue Situationen einzustellen, Veränderungen zuzulassen, immer wieder in Grenzsituationen zu kommen. Das sind einfach Erfahrungen aus meinem Leben bisher, wo ich denke, wahrscheinlich sind diese ganzen kleine Situationen alles Vorbereitungen für diesen großen Prozess des Übergangs in das Danach.

Ihr merkt vielleicht schon, dass Johanna nicht unbedingt klingt wie ein typische 28-Jährige. Ich muss schon zugeben, es war unter anderem Johannas junges Alter, das mich neugierig auf sie gemacht hat. Aber wenn man Johanna gegenübersitzt, wird ihr Alter ziemlich irrelevant, denn Johanna wirkt sehr viel älter bzw. reifer.

Mein Alter wird an meinem biologischen Alter festgemacht. Ich fühle mich nicht unbedingt wie 28. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mich sehr intensiv mit dem Thema Tod befasse. Vielleicht hat es auch mit anderen Dingen zu tun. Vielleicht bin ich auch einfach eine alte Seele. Ich weiß es nicht genau.

Ich stelle es mir gar nicht so einfach vor, als junger Mensch jemanden zu begleiten, der im Sterben liegt und der tendenziell um Einiges älter ist. Johanna sagt aber, dass es für sie keine Schwierigkeit darstellt, vielleicht ist sogar eher das Gegenteil der Fall.

Oft sind die Menschen ganz entspannt dadurch und haben das Gefühl, sich anders öffnen zu können.

Vor unserem Treffen habe ich schon hier und da mal über Johanna, ihre Arbeit und ihre Sichtweise auf den Tod gelesen. Die Tatsache, dass sie den Tod als Freund begreift, fand ich erst merkwürdig, aber dann ziemlich großartig.

Dass das Leben endlich ist, macht es so besonders. Und es macht letztendlich den Tod auch zu einem Freund, weil er mir verdeutlichen kann, dass das was ich an Leben habe – egal wie lang das ist, ob es ein kurzes oder ein langes Leben ist – dass ich daraus das Beste für mich machen kann.
Ich empfinde den Tod nicht als einen Dieb, der mir das Leben wegnimmt. Sondern eher als jemanden, der … als einen guten Freund, der mich an das Wesentliche erinnert. Der eben sagt: Schau doch noch mal genauer hin. Bist du sicher, dass du das, was du da gerade tust, auch wirklich machen willst? Oder: Hey, hier fühlst du dich eigentlich gar nicht so richtig wohl. Guckt doch noch mal hin. Ist es das? Letztendlich die Option darauf, bewusste Entscheidungen zu treffen.
Ich kann mein Leben natürlich unbewusst leben und sagen, es ist mir alles egal. Aber – das steht auch auf meiner Website und das ist mir auch total wichtig – es ist mir nicht mehr egal. Seit dem ich den Tod als Freund habe, ist mir das, was in meinem Leben geschieht, nicht mehr egal. Es ist mir auch wichtig, ob ich einen Kaffee trinke oder nicht. Wenn mich jemand fragt: Möchten Sie was trinken? Dann überlege ich, und ich überlege wirklich, was möchte ich denn trinken? Denn es ist nicht egal. Vor dem Hintergrund, ja, betrachte ich den Tod als einen Freund.

J: Du hast dir bestimmt schon Gedanken über deinen eigenen Tod gemacht. Möchtest du erzählen, wie du ihn dir wünschst oder wie du zum Beispiel bestattet werden möchtest?

Ja, ich hab mir schon sehr viel Gedanken zu dem Thema gemacht. Ich hab auch schon probegelegen im Sarg und finde das ein total angenehmes Gefühl, etwas, das mich total beruhigt.
J: Macht man den Deckel da zu?
Ja. Also ich schon. Ich hab das einfach im Rahmen meiner Ausbildung gemacht und danach immer wieder probiert, weil ich es sehr wichtig finde, dass ich darüber sprechen kann. Dass ich sagen kann, ungefähr so hat es sich für mich angefühlt.
Also ich wünsche mir, dass mein Körper, in dem Sarg, in dem ich dann bestattet werde, weich gebettet wird und dass es was mit mir zu tun hat. An sich bin ich eher ein reduzierter oder eher schlichter Mensch. Das heißt, ich stell mir dann schon so vor, dass ich, wenn ich dann gestorben bin, in einem naturbelassenen Sarg eingebettet werde. Und meine Vorstellung ist tatsächlich, dass der Prozess durch meine Familie begleitet wird. Kleidung … Da bin ich noch offen. Da hab ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht. Aber persönliche Kleidung wäre mir schon wichtig. Und es wäre mir auch wichtig, dass meine Angehörigen die Möglichkeit bekommen, sich von meinem Körper zu verabschieden. Also diejenigen, die das möchten. Und wenn ich dann in dem Sarg verabschiedet wurde, ist meine Vorstellung, dass es eine Feier gibt, die aber ganz viel auch mit dem Leben zu tun hat. Wo eigentlich eher mein Leben gefeiert wird. Und natürlich darf da gelacht und geweint werden, weil ich ganz viel in meinem Leben lache und weine.
Und dann möchte ich feuerbestattet werden.
Über die Grabstätte bin ich mir noch nicht so ganz sicher, da bin ich immer am Überlegen. Aber ich stell mir schon vor, dass es vielleicht ein Grab unter einem Apfelbaum zum Beispiel ist. Ich finde den Gedanken schön, dass die Friedhöfe eben auch solche Sachen anbieten.

Auch hier tut sich nämlich wirklich viel. Friedhöfe müssen längst nicht mehr so akkurat und unpersönlich aussehen, wie man sie typischerweise vielleicht im Kopf hat. Aber dazu hören wir in zukünftigen Podcast-Folgen bestimmt noch mehr…

Johanna lebt ihr Leben sehr bewusst, für sie ist der Tod ganz klar Teil des Lebens. Wann wurde ihr denn zum ersten Mal bewusst, dass wir sterblich sind?

Da muss ich ungefähr 13 oder 14 gewesen sein. Da war ein unglaublich großes Gewitter. Ich bin zu der Zeit leidenschaftlich geritten und war mit den Pferden draußen unterwegs. Und bin tatsächlich fast vom Blitz getroffen worden. Das war eine Erfahrung, wo ganz viele Bilder vor meinem inneren Auge abgelaufen sind. Wo ich sagen kann, das war im Grunde so eine Art Nahtod-Erfahrung. Das war tatsächlich so eine Situation, wo ich das erste Mal am eigenen Leib gespürt habe, dass es auch zu Ende sein kann.

Abschließend möchte ich auch von Johanna wissen, wie sie den Satz „Before I die, I want to …“ vervollständigen würde. Ihre Antwort kommt da recht schnell…

Ich möchte gerne einen Mehrgenerationen-Hof gründen, auf dem einfach viele verschiedene Lebensbereiche zusammenkommen. Ein Ort, wo alte und junge Menschen miteinander sind, wo Berufe ausgeübt werden, wo es aber auch so eine Art Rückzugsort gibt für Meditation und Besinnung. Wo das Leben in seiner ganzen Fülle einfach da ist. Und es muss unbedingt ein Bestattungsinstitut geben.

Vielen Dank Johanna, für deine Zeit und deine ausführlichen Antworten auf alle meine Fragen.
Auf ihrer Website „trauer-in-liebe.de“ findet ihr weitere Informationen zu Johanna und ihrer Arbeit. Guckt euch auf der Seite auch unbedingt ihre „Trauerbox“ an. Das ist eine Art Erste-Hilfe-Kasten für Trauernde, den Johanna mit viel Liebe entwickelt und gestaltet hat.

Das war die zweite Folge von meinem Podcast immer und endlich.

Ich sitze hier in meiner Abstellkammer, weil es – akustisch gesehen – der beste Raum der Wohnung ist, und ich habe keine Ahnung, wer oder wie viele Menschen sich diesen Podcast überhaupt anhören werden. Aber ich weiß, dass ich mich über E-Mails freuen würde. Über Lob, Kritik aber auch über Themen rund um Sterben, Tod und Trauer, die euch interessieren. Oder vielleicht sogar Geschichten, die ihr vielleicht erlebt habt, und Lust habt zu teilen. Schreibt mir an hallo@immerundendlich.de

02 Ich sehe den Tod als einen guten Freund – Transkript

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