Im Herbst letzten Jahres war ich beim Bestatter. Einfach so. Ohne traurigen Anlass. Und das war richtig schön. Ich war in Bergisch-Gladbach beim Bestattungshaus Pütz-Roth. Zugegebenermaßen ist dieses Haus, und der mittlerweile verstorbene Gründer Fritz Roth, relativ bekannt für seine offene und unangepasste Art. Das fängt schon mal damit an, dass es dort überhaupt nicht aussieht, wie bei einem Bestatter…

Also, wenn man das erste Mal hineinkommt, könnte man halt annehmen, dass man ist in einem kleinen Hotel gelandet

Das ist David Roth. Nach dem Tod seines Vaters 2012 leitet er heute zusammen mit seiner Schwester Hanna das Bestattungshaus.
Und der Vergleich mit dem Hotel trifft es eigentlich sehr gut. Ein Landhotel vielleicht. Das kleine Haus liegt am Stadtrand von Bergisch-Gladbach auf einer Anhöhe in einem Wald. Ruhig … idyllisch.

Im Erdgeschoss des Hauses werden die Verstorbenen versorgt. Also fahre ich, als ich ankomme, aus einer Art Foyer mit dem Aufzug in den ersten Stock. Durch die vielen Fenster fällt der Blick ins Grüne. Es gibt hier auffallend viele warme Farben und viel Kunst. Ich melde mich an der Rezeption an und sitze wenig später mit David Roth in der Bibliothek.
Ich bin mit ein paar ganz praktischen Fragen hierhin gekommen. Aber ich möchte auch wissen, was dieses Bestattungshaus – außer seiner Lage – so besonders macht. David Roth ist da eher bescheiden.

Wir sind kein alternativer Bestatter. Wir sind auch nicht sonderlich innovativ, wir haben zwar ne Menge Ideen… Sondern was wir hier hauptsächlich machen, ist zulassen, was Menschen wollen, die hier hinkommen. Das wir ihnen eigentlich nur Zeit geben können. Einen Ort, der sie nicht zurücktreibt, wo man vielleicht einen Moment aushalten mag. Und vor allem die Erlaubnis, das zu tun, was sie aus ihren Gefühlen, aus ihrer Beziehung heraus für richtig empfinden.

Und dafür ist hier im wahrsten Sinne viel Platz. Dieses Haus ist nämlich nicht, wie man vielleicht annehmen möchte, auch Wohnsitz der Familie Roth. Es ist ganz allein ein Ort für Trauernde, ihre Familien und auch Interessierte. Es gibt Räume, in denen sich Trauernde ganz in Ruhe von ihren Verstorbenen verabschieden können. Größere Räume für Trauerfeiern, Ausstellungen und Seminare. Im Keller befindet sich eine begehbare Kunstinstallation zum Thema Trauer. Und es gibt auch sehr lebendige Veranstaltungen – wie eine Weihnachtsfeier und ein Sommerfest.

Aber der Wald, der das Haus umgibt, ist vielleicht noch interessanter. Er ist der erste und einzige Privatfriedhof Deutschlands – den hat sich Fritz Roth über Jahre hinweg erstritten. Hier können Angehörige die Urne eines Verstorbenen so beisetzen, wie sie möchten. Ohne viele Vorschriften.
Für mich klingt das alles schon recht innovativ. Im Allgemeinen geht aber einfach darum, Ruhe in die oft hektische Zeit nach einem Trauerfall zu bringen. Und darum, dem Tod – und den Toten – den Schrecken zu nehmen.

Wir möchten Menschen Mut machen, sich zu befassen. Nicht dem Üblichen „Tu dir das nicht an“, „Behalte jemanden so in Erinnerung, wie er gewesen ist“, einfach zu folgen. Sondern wieder bewusst zu wissen, was ich da tue. Wieder zu wissen, was Leben bedeutet, wenn ich weiß, was Tod bedeutet.

David Roth plädiert deshalb auch dafür, den Körper eines Verstobenen nicht wegzuschließen. Und er ist gegen eine kosmetische Aufbereitung der Toten. Es hilft den Angehörigen, den Abschied zu begreifen, wenn sie einen Verstorbenen sehen, der zwar wirklich aussieht wie Opa. Weil er z.B. die Anziehsachen trägt, die Opa immer gern anhatte, und seine Haare so gekämmt sind, wie Opa sie immer gekämmt hat. Der aber auch nicht so aussieht als käme er gerade braungebrannt vom Strandurlaub. Sondern der eben auch aussieht als wäre er nicht mehr am Leben.

Wir wollen keine schrecklichen Bilder zeigen, sondern wir wollen Menschen erstmal Mut machen, hierhin zu gehen. Dass anzuerkennen wie es ist. An der Hand zu spüren, dass jemand etwas kälter ist. Dass der Geruch, das ist aber nicht immer so, etwas anders ist. Dass derjenige diese Spuren des Verfalls ein bisschen sehen kann. Es gibt ja auch gar nicht so schreckliche Effekte. Dass zum Beispiel Falten deutlich glatter werden durch den Wasserverlust des Körpers, dass die Starre die in den Körper geht auch wieder nachlässt. Alles das bis ich wirklich weiß, es ist wie es ist. Aber auch, dass ich sehe, dass derjenige total entspannt ist. Das liegt in der Natur der Sache, alle Muskeln sind entspannt. Dass er keine Schmerzen hat, dass er sich keine Sorgen machen muss. Dass er dieses entspannte, vielleicht zufriedene, Gesicht hat.

Das Bestattungshaus arbeitet aber nach dem Leitsatz „Alles kann, nichts muss“. Es sind definitiv die Angehörigen, die bestimmen, wie die Trauerfeier und die Bestattung letztendlich aussehen sollen. Und das sollte natürlich bei jedem Bestatter so sein.
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Nun hat Deutschland ein sehr strenges Bestattungsgesetz. Dachte ich zumindest immer – und das ist prinzipiell auch so. Und trotzdem gibt es in diesem Zusammenhang eigentlich nur eine Sache, die ich tatsächlich tun MUSS.

Die einzige Pflicht, die besteht, ist die Bestattungspflicht.

Und der Rest? Dafür muss man ein paar Dinge wissen oder sich vielleicht auch schon vorher überlegt haben. Zum Beispiel, für den Fall, dass ein Angehöriger zu Hause verstirbt.

Man hat prinzipiell die Möglichkeit, dass jemand 36 Std zu Hause bleibt. Nur es fängt ja eigentlich ab dem Zeitpunkt, wo jemand stirbt, damit an, dass man nen Arzt rufen muss, der den Tod feststellt. Aber wenn jemand zu Hause verstirbt, dann rufen meist den Rettungsdienst, der dann „unbekannte Todesursache“ einträgt, weil es eben nicht der Arzt ist, der den Verstorbenen vorher behandelt hat. Was dann dazu führt, dass der Verstorbene aus dem häuslichen Umfeld weggenommen wird. Man befindet sich an einem Tatort, die Polizei muss kommen etc. (…) Wenn ich mir vorher Gedanken gemacht habe, kann ich vielleicht auch auf meinen Arzt warten. Wenn ich weiß, es ist keine unterlassene Hilfeleistung, da muss nichts geschehen. Da hab ich dann auf einmal ganz andere Möglichkeiten, dass ich jemanden zu Hause behalten kann. Der Arzt kann dann vielleicht auch erst am nächsten Morgen kommen, wenn ich mir das zutraue.

Aber das muss natürlich der Situation angepasst sein. Wenn meine Frau von der Leiter fällt, rufe ich lieber den Notarzt.


Kurz gesagt gilt das Prinzip: Wer viel fragt, kriegt viele Antworten. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Und so gibt es bei der Trauerfeier und der Bestattung eigentlich doch viele Möglichkeiten. Auch wenn das so natürlich nicht im Gesetzbuch steht.

Wir glauben, bei allen Pflichten, dass Tod vielleicht auch Lehrmeister zum bürgerlichen Ungehorsam ist. Ich überlege mir, was kann ich verantworten, was traue ich mir zu.
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Alles was Leute aus Liebe machen ist schlecht bestrafbar. Wenn es nicht zur Verächtlichmachung des Verstorbenen dient. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist eine Ordnungswidrigkeit. Das Schlimmste was uns mal passiert ist waren 30 EUR dafür, dass wir jemanden nicht in die Friedhofskapelle ausgebracht haben, sondern ihn direkt hierhin geholt haben. Und nach großem Tammtamm haben wir einen Erwachsenen gefunden, mit dem man sprechen kann. Ja, das ist vielleicht alles gar nicht so wild.

Im Zweifelsfall muss der Bestatter erstmal verstehen, dass er kein Hilfssheriff ist. Das, was er tut, tut er für die Angehörigen. Und die wissen am besten, wie sie mit einer Person, um die sie sich gekümmert haben, umgehen. Trauer ist Liebe. Und wenn wir verliebt sind, dann guckt man auch nicht zuerst ins Gesetzbuch. Man weiß genau, wie man diese Liebe ausdrücken mag, dass man das nicht delegieren kann. Und diese Liebe endet mit dem Tod nicht. Dann muss man sagen, wie man behandelt werden möchte. Und darf nicht schüchtern sein zu sagen, wenn du nicht machst, was ich möchte, dann nehme ich meinen Verstorbenen wieder mit. Und wenn jemand zu Hause bestattet werden möchte, dann sind je nach Ort verschiedenste Nachweise für den Landschaftsschutz, Wasserschutz etc. notwendig. Manchmal ist es vielleicht einfacher, wenn man gewisse Sachen einfach macht.

Es ist also nicht ausgeschlossen, die Urne mit nach Hause nehmen, und die Asche dann vielleicht sogar am Lieblingspicknickplatz in den Rhein zu streuen.

Sie müssen sich nur klar sein, dass sie im Zweifelsfall bereit sein müssen, Verantwortung zu übernehmen oder die Beine unter den Arm zu nehmen und zu laufen. Aber da gibt es viele Möglichkeiten. Und wenn man das mal anfängt, dann gibt es viele Möglichkeiten, dass man sich beraten lässt, wie es möglich wäre.

Was da nach dem Tod passieren oder nicht passieren soll, sollte jeder mal mit seiner Familie oder den Freunden besprochen haben. Wichtig ist aber, dass die Hinterbliebenen immer das Gefühl haben, dass das, was sie letztendlich tun, in Ordnung ist. Eben auch wenn sie etwas an den Plänen oder Wünschen des Verstorbenen ändern. Es muss letztendlich muss es sich für die Hinterbliebenen richtig anfühlen, das betont David Roth immer wieder.

Man kennt vielleicht das Gedicht Memento von Mascha Kaleko: Den eigenen Tod den stirbt man nur, den der anderen muss man leben. Vieles von dem, was wir hier machen, ist darauf ausgelegt, dass wir den Verstorbenen würdig behandeln. Aber es geht noch viel mehr um die Angehörigen.

Und zu den Angehörigen gehören meist ganz verschiedene Menschen und Altersgruppen. Da ist vielleicht sowohl die 80-jährige Oma als auch die kleine Nichte. Oder Freunde im Teenager-Alter. So war es zum Beispiel bei einer Trauerfeier, die David Roth besonders in Erinnerung geblieben ist. Es war die Trauerfeier eines 16-Jährigen, der überraschend an einem Herzfehler gestorben war. Er sollte zwar traditionell im Familiengrab beigesetzt werden, aber die Trauerfeier gestalteten seine Freunde und die Familie ganz individuell.

Bis man zu der Idee kam, einen einfachen Sarg zu nehmen und den mit seinen Farben gestaltete. Dass man sich auch mal seine Musik ansah. Dass man nicht einfach einen Lebenslauf herunterrasseln wollte, bei einem 16jährigen… Und man da Sachen sich anhörte, die sowohl zu ihm als auch zu den Großeltern passten, so dass die nicht gleich von den Bässen aus dem Raum rausgetrieben wurden. Da waren Sachen dabei wie die Fantastischen Vier „Tag am Meer“, die sie sich am Ende rausgesucht haben oder andere Hiphop-Lieder, weil er eigentlich nur Hiphop gehört.
Da er gerade die Schule abgeschlossen hat, wollte man seine Klassenkameraden noch einmal einladen und ihnen auch die Möglichkeit geben, mitzugestalten. Sie konnten ihm, wie beim Wichteln in der Schule, an dem er große Freude hatte, jeder etwas mitbringen. Bei der Feier wurde dann darüber gesprochen, wie er war, was seine Pläne waren, was man mit ihm erlebt hat, was aber auch seine Macken waren, dass das nicht nur so ein Positivbild war, sondern dass man auch wusste, um wen es da geht. Sein Rucksack ging währenddessen durch die Reihen, man erklärte, warum das so war. Weil er eben Wichteln gut fand. Jeder konnte ihm etwas in den Rucksack stecken und gleichzeitig gingen Döschen mit Tictacs durch die Reihen und man erzählte, dass er, immer wenn jemand in der Klasse Tictacs hatte er sich die schnappte, und nur anstandshalber ein paar davon darin zurückgab. Dieses Mal bekam er auch die restlichen mit. Man verbrachte Zeit miteinander, jeder konnte sich individuell verabschieden. Es kamen nicht 6 dunkel gekleidete Herren in den Raum, sondern man konnte selbst bestimmen, wann man sich verabschiedet. Der Rucksack wurde wie gesagt später mit in den Sarg gelegt, der war bei der Trauerfeier zu. Man hatte aber auch die Möglichkeit, wie bei einem Gips, ihm noch einmal einen Wunsch, Abschied, Gruß auf diesen bunten Sarg zu schreiben. Da kam vieles beieinander, aber es war auch wichtig, dass bei der eigentlichen Beisetzung in der Eifel auch der örtliche Pfarrer dabei war und ihm einen Segen mitgab. Man versuchte halt, viele Vorstellungen zusammenzubringen

David Roth sagt, man kann so eine Trauerfeier ganz schön wie einen letzten Geburtstag gestalten. Wie würde er sich eine Trauerfeier für sich vorstellen?

Das verändert sich einfach immer und immer wieder. Ich fände ich es einfach schön, wenn viel Musik gespielt wird, die ich mag, aber auch eigene Sachen, die die Leute mögen.

Was wäre das denn?

(Lacht.) Das ist die Frage ob das so kompatibel ist, ich höre halt gerne Prodigy oder Hiphop. Aber ich glaube meine Freunde und meine Familie könnten das ganz gut mit. Ich fände es einfach schön, wenn es lebendig ist. Wenn sie nachher Zeit miteinander verbringen. Es sollte einfach jedem die Möglichkeit geben, dass er da nen schönen Moment hat.

Und das, sagt David Roth, sollte auch bei jedem Bestatter möglich sein. Und auch wenn man auf seinem privaten Friedhof eine Beisetzung auch schon mal im Mondschein stattfinden oder eine E-Gitarre als Grabstein dienen darf, ist heute auch immer mehr auch auf städtischen Friedhöfen möglich.

Früher, bis etwa 1907 war es ja so, dass Friedhöfe Orte des Lebens waren. Dann kam diese große Gleichmacherei, dass man dieses Ideal des Soldatenfriedhofs hatte und überall Satzungen erließ, wie man sich tu verhalten hatte. Da gibt es ja, sag ich mal unterschiedlich liberale Arten, wie man damit umgehen kann. Eine Gitarre sollte auf einem städtischen Friedhof eigentlich möglich sein, man sieht es halt nur selten. Weil man vielleicht nicht weiß, was da möglich ist oder wie Sachen ausgelebt werden. Wie mit diesen QR-Codes, die gab es erstmals bei uns, weil es in Köln verboten war. Das hat sich vor 2 Jahren dann angepasst. Man kann also, glaube ich, überall sehr, sehr vieles machen.

Ich hab hier in Bergisch Gladbach viele Antworten bekommen. Alle, bis auf eine … Nämlich die auf die Frage, was Herr Roth denn noch im Leben vorhat. Wie würde er den Satz vervollständigen Before I die …

Och, da gibts ne ganze Menge. (Eine Sache) Ne, genau daran würde die Sache scheitern. Ich will ganz viel erleben, kennenlernen, mitmachen. Ich könnte mich da nicht festlegen. Es gibt so viel in meinem Leben, worauf ich mich freue. Nö. Ich glaube, das macht das Leben gerade schön.

Na gut, das ist irgendwie ja auch eine Antwort.

Das war Folge 4. Danke, Herr Roth für Ihre Zeit!

Euch vielen Dank fürs Zuhören. Wenn euch dieser Podcast gefällt, dann schreibt doch eine Bewertung auf iTunes. Oder folgt immer & endlich auf Facebook. Geht ganz fix und ich würde mich sehr freuen.

04 Machen kann man erstmal alles, was man sich vorstellt

Ein Gedanke zu „04 Machen kann man erstmal alles, was man sich vorstellt

  • 6. März 2017 um 22:01
    Permalink

    Sehr informativ!
    Es is tröstlich zu wissen, was alles möglich ist.
    Vielen Dank!
    Ursula Heßbrüggen

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