Gunter Demnig:
Der Stein ist nicht das Kunstwerk. Das, was ringsherum passiert, ist die Kunst.
Gunter Demnig, in Berlin geboren, Jahrgang 47. Und seit mehr als 20 Jahren mache ich Stolpersteine.
Deportationen, von Regime-Gegnern und so weiter, haben angefangen im Mai 1940 und zwar mit Zigeunern, mit Roma und Sinti. Hier in Köln wurden sie mit Lkws abgeholt von ihren Wohnungen und zur Kölner Messe gefahren. Direkt gegenüber, 200 m zu Fuß, war der Bahnhof Deutz Tief.
Ich hab sehr früh eigentlich politisch gearbeitet. Ich hab dann eine Schriftspur gedruckt mit dem Text: Mai 1940 1000 Roma und Sinti von den Wohnhäusern, wo sie abgeholt worden waren, bis zur Deutzer Messe. In der Kölner Südstadt kam eine ältere Dame dazu, war klar Zeitzeugin, und sagt zu mir im Brustton der Überzeugung: „Aber bei uns im Viertel haben doch niemals Zigeuner gelebt“ Und ich hab ihr meine Unterlagen gezeigt, der Frau ist das Kinn runtergefallen.
Und da wurde mir klar, die hat das sicher wirklich nicht gewusst. Gerade die Sinti waren total assimiliert, in Köln zu 98 % katholisch. Ganz normale Nachbarn. Und das war für mich eigentlich dieser Auslöser. Auschwitz? Wer konnte sich das schon vorstellen? Wer kann sich das heute schon vorstellen, wenn er nicht selbst dort war?
Das für mich als Künstler zuerst ein konzeptuelles Kunstwerk. Ich hab angesichts dieser Zahlen nicht daran gedacht, das wirklich zu machen.
Dann hat der Pfarrer Kurt Pick hier in Köln von der Antoniter-Gemeinde gesagt: Gunter, du wirst niemals die Millionen schaffen, aber man kann ja klein anfangen.
Dann war 96 in Berlin eine Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in der Oranienstraße, Kreuzberg, der Titel: Künstler forschen nach Ausschwitz. Dann hab ich gesagt: Ok, dann lasst mich doch die 50 Steine für die Oranienstraße machen. Wir haben lange hin und her überlegt, 3 Monate Zeit. Wir haben direkt gesagt, Genehmigung versuchen wir erst gar nicht, hätte auch nicht geklappt. Dann haben wir die Steine verlegt. 3 Monate, bis sie’s gemerkt haben. Dann gabs eine Ortsbegehung, ich musste an einer Stelle die Steine von da nach da verlegen. Aber damit waren die Steine legalisert. 2000 gings in Berlin und Köln dann eigentlich fast gleichzeitig los. Und jetzt aktuell sind es über 60.000 Steine in 21 Ländern.
Wenn dann jemand sagt, ist doch alles Routine – wenn du dann beim Einsetzen plötzlich merkst, 7 Steine, die Familie gehört so und so zusammen. Dann siehst du: alle am 27. Oktober 47 in Sobibor ermordet. Dann ist der 23. Oktober auch noch dein Geburtstag. Dann ist es mit der Routine sowieso vorbei.
Früher hab ich die gesamte Planung gemacht, die Steine hergestellt und verlegt. Das ging irgendwann nicht mehr. Jetzt sind wir in der Planung drei Leute, und die Steinherstellung ist beim Michael Friedrichs-Friedländer in Berlin. Bildhauerkollege, Metallfachmann, der macht das viel perfekter als ich das je gemacht habe.

Michael Friedrichs-Friedländer:
Ich bin Michael Friedrichs-Friedländer und arbeite jetzt seit 11 ½ Jahren mit dem Gunter Demnig zusammen und mache die Stolpersteine für ganz Europa.
Das sind also Bleche, 1mm starke Messingbleche. 10 cm breit, 20 lang. So ungefähr wie eine Schokoladentafel sieht das aus. Der nächste Schritt ist, dass ich an meiner „Schreibmaschine“, so nenn ich das – das sind Handschlagstempel in den zwei verschiedenen Größen 8 mm für die Namen, 4 mm für die Texte.
Der kriegt jetzt hier noch 2 Punkte.
Buchstabe für Buchstabe, Zahl für Zahl wird hier von Hand eingeschlagen. Dann wird das von hinten auf dem Amboss beschlagen, damit dass nicht aussieht wie ein dünnes Blech, sondern damit das diese runde Kanten entstehen.
Jetzt sieht man, dass das so gewölbt ist und nicht mehr andersherum.
Hier drüben in der Form, kommen die unten rein.
Die werden mit der Schrift da unten reingelegt. Und dann kommt der Beton drauf. Der wird draufgegossen. Nochmal geschüttelt, dass die Blasen hochkommen. Der ist bis morgen hart. Dann wird ausgepackt, geputzt, damit die auch so ausgeliefert werden können.
Das muss wirklich mit viel Gefühl gemacht werden. Entsprechend müssen die Sachen auch aussehen. Sie müssen deshalb von Hand gemacht werden, nicht mit der Maschine. Das muss wirklich diese Qualität haben, die den Opfern entsprechend Respekt zollt.
Wenn das nur noch ein Name ist und nur noch Routine ist, hör ich auf. Das geht nicht.
Ich glaub, das anstrengendste an der Arbeit sind wirklich die Schicksale. Wenn ich fertig bin, ich fahr raus, ich geh einkaufen, ich mach irgendwas um erstmal mit dem Kopf runterzukommen. Das muss man aushalten.

Rosemarie Merino:
„Wer im Gedaechtnis seiner Lieben lebt,
der ist nicht tot, der ist nur fern;
tot ist nur, wer vergessen wird.
(Immanuel Kant)
Dieses Gedicht ist mein Anknüpfungspunkt an die heutige Stolpersteinlegung. Unsere Großmutter, die durch die Nationalsozialistische Regierung des 3. Reiches ein so schreckliches Ende fand, soll damit nicht vergessen werden. Wir hoffen außerdem, dass dieser Stein Passanten ihr Leid nahebringt und diese dabei zu dem Entschluss kommen, dass solch ein Unrecht nie wieder geschehen darf.

Mein Name ist Rosemarie Merino, wie die Wolle. Mein Geburtsname ist Damerius. Ich bin in Berlin geboren, 1939, wohne aber seit 1959 in USA.
Ich bin heute hier mit meinem Enkelsohn, Nicholas.
Der Anlass ist einen Stolperstein für meine Großmutter zu legen oder legen zu lassen.

Nicholas Merino:
My name is Nicholas Merino, I am the grandson of Rosemarie Merino, who was just speaking. I am 20 now.

R.M.:
I am grateful that he’s here and that he’s interested. I am just sorry, that he doesn’t speak any German.

N.M.:
This is the first time that I have ever been in Germany… It’s interesting, because the only information I have ever had about my grandma’s life here is through her. So it’s interesting to come here and put a picture to all the stories I’ve heard.

R.M.:
I remember it well because there were policemen in our house which was something new to a four year old. And my maternal grandmother was also visiting at that time. And for some reason I didn’t understand she took me out of the house and took me for a walk around the neighbourhood. All of a sudden, I heard a noise and looked up. And my grandmother rode by me on the back of a motorcycle. Just wrapped in a black scarf. It was most unusual because it was the middle of January and a really a cold day. And it occurred to me what an usual thing to do. I had never seen my grandmother on a motor cycle – or anyone else for that matter. So this was the day she was deported.
This was outside of Berlin, in a house that we owned. That my father bought in my mother’s name. Because he, he was classified as half-Jewish, he was not allowed to own property anymore. They bought that house in particular because they knew that being Jewish was a detriment at that time. He wanted to save his mother, my grandmother.
We kept her mostly in this house because when they came to look for her, they came to look for her in her apartment in Berlin, where we also had an apartment. And when she wasn’t there they would just leave. But no one really knew about this house outside of Berlin. Except: My father had a business and he had a man helping him to move to that house from Berlin. And he told the GESTAPO where they could possibly find my grandmother. So one day, the appeared at both places as the same time, the apartment in Berlin and the house outside of Berlin.

She had niece of hers in Theresienstadt, who survived. From her we know that she died of a “natural” death, which was important.

N.M.:
I have heard pieces of that stories, but I haven’t heard them told in such detail as today. So it’s good to fully hear them now.

R.M.:
I remember that she was always there. She lived on the second floor, we lived on the fourth floor in the house where we put the Stolperstein today. She was ever present. And she was kind and she was at 73 much older then than people are now at 73. So she was an old lady, but always there.

Yes, we were close.

N.M.:
She knows how much I love her and how grateful I am that she is still around to tell me those stories. A few of my friends aren’t as lucky.

R.M.:
To me the stone says that she lived. Those people were suddenly gone, there was no trace of them. And I wanted a trace to exist.

N.M.:
To see where she grew up, where my grandma lived for a while, to see the stumbling stone actually being placed. To think that’s my relative, without here I wouldn’t be here. It brought it all together. It was interesting hearing the history and embracing her existence.

R.M.:
To me this was done of course for her. But also for my father and his brother. They were very close to their mother and they are now deceased. I think the three of them would have been very pleased.
It was the sort of thing I wanted to do while I was still alive.

05 Tot ist nur, wer vergessen wird – Menschen und Geschichten hinter den Stolpersteinen

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