P: Natürlich sind wir lustig als Clowns, aber das ist halt nicht alles.

Immer & endlich – Ein Podcast über den Tod

P: Ich bin Pia…
F: Ich bin Fernando…

Ich treffe Pia und Fernando in St. Augustin, das liegt ein kleines Stück südlich von Köln. Von hier geht es gleich Richtung Norden in ein Kinderhospiz nach Wuppertal.
Ich darf Pia und Fernando heute Nachmittag bei ihrer Arbeit begleiten. Oder sollte ich besser sagen Pimpi und Halli Hallo?

P: Ich bin Pimpi…
F: Mein Clown heißt Halli Hallo…

Bis Wuppertal ist es eine knappe Stunde Fahrt. Es ist ein sehr schwüler Sommertag
deswegen läuft die Klimaanlage in Fernandos Auto auf Hochtouren.
Wir liegen gut in der Zeit, sagt Fernando. Noch.

J: Weißt du denn, was dich so erwartet?
F: Das sind immer zwischen 8 bis 9 Kinder, die da sind. Sehr verschiedene, es gibt Kinder, die können sprechen, es gibt Kinder, die sprechen nicht. Die meisten sind im Rollstuhl.

Fernando spielt 1 x im Monat in Wuppertal. Er wird dann immer von einem Kollegen oder einer Kollegin begleitet.
Was ich auch nicht wusste: Eltern mit schwerkranken Kindern haben 28 Tage / Jahr Anspruch darauf, ein Hospiz zu besuchen. Unabhängig davon, ob sich das Kind in einer sogenannten „finalen Phase“ befindet. Das heißt, Kinder kommen auch nur mal für eine Woche oder ein Wochenende in so ein Hospiz wie in Wuppertal. Oft einfach, um die Eltern ein bisschen zu entlasten. Wer genau also heute da sein wird, weiß Fernando natürlich nicht.

F: Aber das ist auch eine schöne Überraschung immer. Das ist immer eine neue Begegnung. Jede Kinder reagier ein bisschen anders. Aber wir spielen da 1,5 Stunden und nach einer halben Stunde hast du schon alle Kinder dabei.

Die Interaktion mit den Kindern in einem Hospiz unterscheidet sich ein bisschen von der sonstigen Arbeit der Klinikclowns. Anders als in Krankenhäusern oder Altenheimen reagieren schwerkranke oder schwerbehinderte Kinder kaum oder gar nicht.
Und was heute noch anders sein wird: Pia und Fernando werden nicht von Zimmer zu Zimmer gehen und die Patienten einzeln besuchen. In diesem Haus treten sie vor den versammelten Kindern auf. Es wird also eher so etwas wie eine Bühnensituation geben….

P: Wir haben jetzt nichts wirklich festgelegt oder so. Aber es wird halt eher so sein, dass alle auf einmal da sind und das eher so einen Aufführungscharakter hat. Aber dann trotzdem mit der Interaktion mit den Kindern quasi. Mal schaun wer so da ist, mal gucken, was passiert.

Die Kölner Klinikclowns sind ein spendenfinanzierter Verein mit aktuell 18 aktiven Mitgliedern. Sie spielen in 18 Einrichtungen im Großraum Köln.
Weil die Klinikclownerie anspruchsvoll und anstrengend ist, sind die Clowns maximal 3 x /Woche im Einsatz. Diese Besuche sind bezahlt.
Die vielen Fortbildungen und Workshops für die Aus- und Weiterbildung, das Engagement im Verein… das alles ist aber ehrenamtlich. Die Clownerie ist also kein Vollzeitjob. Pia ist z. B. in erster Linie Schauspielerin, Fernando hat eine Firma für Lichtinstallationen.

J: Was, würdest du sagen, ist die wichtigste Eigenschaft, die man haben muss als Klinikclown?
F: Ich glaube, ist Liebe. Ist Liebe. Das ist schwer zu finden und wenn wenn mans hat, ist manchmal auch schwer zu geben.
J: Ich hätte gedacht, du sagst jetzt Spontanität oder so. Aber das ist ja was ganz Anderes…
F: Ich glaube es ist was Anderes. Das ist eine Arbeit, die nimmt viel Zeit und viel Energie. Du bist immer konfrontiert mit traurigen Situationen. Ich glaube, es gibt nichts Traurigeres auf der Welt als ein Kind, das stirbt oder sehr krank ist.
Es ist einfach, ein paar Zaubertricks zu machen. Oder Entertaining zu machen. Aber da zu sein, mit denen diesen Moment zu leben. Akzeptieren, wie die sind und was die machen können. Und was zu finden, was wir zusammen machen können. Das ist ein Geschenk.
J: Hast du denn eine Lieblingserinnerung?
F: Ich habe ein Mädchen begleitet, die war ungefähr 7 oder 8 Jahre alt. Die war in einer Station in der Uniklinik. Und sie mag gerne Musik. Und ich sing nicht so schön. Aber das ist genau, was sie immer geliebt hat. Ich habe immer versucht, was Schönes für sie zu singen, auch wenn es ganz schräg kommt. Sie hat sich immer totgelacht. Weil sie war sehr musikalisch. Und an dem Tag, als sie starb, war ich dabei. Ich war zufällig da. Ich hab meine Arbeit ganz normal gemacht. Und am Ende will ich sie besuchen. Aber nicht als Clown, ich war da privat. Und als ich in dieses Zimmer komme, liegt das Mädchen da ganz allein. Das Zimmer war voll. Aber sie war total allein. Dann hab ich sie an der Hand genommen… und ein Lied gesungen. Ich hab natürlich auch geweint, es war noch schräger als es normalerweise ist. Und dann hat sie kurz die Augen aufgemacht. Ich hab sie gesehen, ich weiß, sie hat mich gesehen.
Diese Begegnung hab ich noch gespeichert. Das war wunderschön. Und wenn sie da liegt im Sterben und die ganze schreckliche Situation.

P: Es geht um Liebe und um Empathie. Darum machen wir das. Um in schwierigen Zeiten, in schwierigen Situationen etwas Schönes dahin zu bringen. Natürlich sind wir lustig als Clowns, aber das ist halt nicht alles.

Und dann stehen wir im Stau. Unsere Fahrt nach Wuppertal zieht sich auf dem letzten Stück ganz schön. Am Ende haben wir fast eine halbe Stunde Verspätung.
Als wir endlich ankommen, hören wir aus dem Garten Kindergeschrei. Es sind wohl auch Geschwister da, sagt Fernando. Der Himmel ist inzwischen total dunkel geworden. Ein Gewitter ist im Anmarsch.
Pia und Fernando wollen die Kinder jetzt nicht noch länger warten lassen. Sie verschwinden in einem kleinen Zimmer im Eingangsbereich des Hospizes. Ohne Hektik aber mit routinierten Griffen verwandeln sie sich in Pimpi und Halli Hallo.

J: Was brauchst du denn, um dich in Halli Hallo zu verwandeln?
F: Letztendlich nur die Nase. Wenn ich den Druck auf der Nase habe, ist das für mich sofort Halli Hallo. Auch wenn ich kein Kostüm anhabe.

Aber das Kostüm hilft natürlich. Heute hat Fernando eine luftigere Sommerversion seines Kostüms an: Eine blaue Hose mit Hosenträgern, ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt, bunt gestreifte Socken. Eine bunt karierte Mütze und gelbe Turnschuhe.

F: So bunt ist das nicht…
J: Na ja…
F: Für den brasilianischen Geschmack ist das nicht bunt genug. Ist nie bunt genug.
Auch aus Pia wird gerade ein ziemlich bunte Pimpi. Sie trägt gelbe Hosenträger über ihrem weißen T-Shirt, eine grüne Strumpfhose und…
P: Und dann trag ich diesen blauen Rock, wo auch noch Herztaschen drauf sind und Herzen drum genäht.
( F: Das hab ich gemacht)
Das hat der Fernando gemacht. Und weil das ja noch nicht reicht mit den Herzen hab ich noch Herzschuhe. Und meine Herzohren, denn man hört ja nur mit dem Herzen gut.
J: Kannst du das mal kurz beschreiben? Das ist ein Haarreif, oder?
P: Genau. Das ist ein Haarreif mit zwei Herzen oben drauf.

Pia malt sich noch mit Lippenstift eine rote Nasenspitze. Und stimmt dann noch schnell ihre Ukulele, während sich Fernando noch eine Handvoll Luftballons in die Hosentaschen steckt.

F: Hat du alles?

Dann geht’s los.
Mit ihren kleinen Requisitenköfferchen in der Hand hüpfen Pimpi und Halli Hallo gut gelaunt in den Aufenthaltsraum.
Ungefähr in diesem Moment bricht das Gewitter los. Draußen schüttet es.

Im Aufenthaltsraum sitzen 11 Kinder in einem Kreis. Die meisten von ihnen in Rollstühlen. Neben einigen sitzen Familienangehörige, Mütter, Omas, Geschwister.
Ein paar Pfleger kümmern sich um die Kinder. Beruhigen, streicheln, geben etwas zu trinken, wischen den Mund ab. Hinter einem Tresen in der Ecke, einer Art Rezeption, stehen noch mehr Mitarbeiter und schauen den Clowns zu.
Insgesamt ist es relativ unruhig. Und das liegt nicht nur daran, dass der Regen so laut aufs Dach trommelt.

Pimpi und Halli Hallo begrüßen erst mal jedes Kind einzeln. Sie nehmen sich viel Zeit, um alle Namen zu lernen.
Die Erwachsenen sprechen für die Kinder, die selbst nicht sprechen können. Oder flüstern Pimpi auch schon mal einen Namen ein.
Die Mütter, Omas und Pfleger haben sichtlich Spaß. Auch für sie ist das hier eine Auszeit.

Nachdem Pimpi und Hallihallo alle Namen kennen, improvisieren sie eine kleine Geschichte. Es geht um eine Schatzsuche. Und weil so viele Kinder barfuß sind, entwickelt sich daraus „die Suche nach dem Schatz der verlorenen Schuhe“.
Pimpi und Halli Hallo spielen eine Art Zwei-Mann-Theater, das auf einer imaginären Insel spielt. Auf der es viel Eis in Form von Seifenblasen gibt und viele Tiere.
Zum Beispiel einen Wolf, den Halli Hallo aus einem Luftballon knotet.

Und immer wieder wird stimmen die beiden Clowns mit der Ukulele und einer Rassel Lieder an.
Die Geschichte hat Anfang und Ende, aber eigentlich ist sie ein bisschen nebensächlich. Sie gibt Pimpi und Halli Hallo einfach eine Möglichkeiteit, immer wieder den Kontakt zu den Kindern suchen. Sie lassen ihnen vorsichtig Seifenblasen auf die Haut schweben, setzen ihnen den Ballon-Wolf auf den Schoß. Streicheln ihre Arme. Sie nehmen sich für jedes Kind gleich viel Zeit.

Oft kann man nicht genau sagen, was davon bei den Kindern überhaupt ankommt. Weil wenige von ihnen eine Reaktion zeigen.
Und wenn man das so zum ersten Mal sieht, ist es schon auch ein bisschen komisch. Da stehen 2 Clowns in einem Kreis von Kindern und es kommt kaum etwas zurück.
Die Clowns und die Familienangehörigen oft nur hoffen, dass die Kinder möglichst viel mitbekommen.

Bei anderen Kindern, dauert es einfach nur sehr lange. Wie zum Beispiel bei Lars. Auch er hat bisher kaum auf das Spiel reagiert.
Aber als er am Ende den Ballon-Wolf behalten darf, bilde ich mir ein, in seinen Augen ein Strahlen zu sehen.
Hier guckt keiner auf die Uhr, aber nach ungefähr einer Stunde ist den Kindern echt die Erschöpfung anzumerken.
Daran ist vermutlich auch der krasse Wetterumschwung schuld.

Pimpi und Halli Hallo machen Schluss, bevor es zu anstrengend wird. Sie verabschieden sich noch einmal ganz ruhig und mit viel Zeit von jedem Kind.
Dann gibt es ein letztes Lied und die hüpfen winkend aus dem Aufenthaltsraum.

Sofort löst sich der Stuhlkreis auch schon auf. Viele Angehörige verschwinden mit den Kindern direkt in den Zimmern. Die Pfleger legen einige der Kinder auf ein großes Sofa im Nebenraum. Hier geht’s zurück zur Normalität.
Auch Pimpi und Halli Hallo verwandeln sich in dem kleinen Nebenzimmer wieder in Pia und Fernando. Sie halten noch kurz Rücksprache mit der Hospizleitung. Der hat es gut gefallen. Sie meldet schon mal einen weiteren Besuch später im Sommer an.

Dann laufen wir durch den strömenden Regen zurück zum Auto.
F:Und war dein Eindruck, Johanna?
J: Ich fands total spannend. Ich fand es sehr „ruhig“. Ihr habt mit jedem Kind Zeit verbracht. Es war ruhiger als ich gedacht hätte. Was im Nachhinein aber nur logisch ist und sinnvoll ist.

Ich glaube, was ich sagen will ist: Ich habe es mir wahrscheinlich „lustiger“ vorgestellt. Vielleicht hab ich mehr Witze erwartet, mehr Albernes? Keine Ahnung…
Schließlich sagt man ja: Lachen ist die beste Medizin.
Aber bei der Klinikclownerie geht es eben nicht nur darum. Es geht um Aufmerksamkeit, um Körperkontakt und ums Abschalten. Eine Stunde wie heute eben, in der Kinder und Erwachsene an nichts anderes denken müssen, außer an Schatzkisten und Seifenblaseneis.
Bevor wir auf der Rückfahrt einfach nur noch müde schweigen und Musik hören, erzählt mir Fernando noch, dass es in Holland die Klinikclownerie auf Rezept gibt.
D.h. ein Arzt kann einem Patienten den Besuch eines Clowns verschreiben wie ein Medikament. Fernando glaubt, dass sich das auch in Deutschland durchsetzen könnte. Was natürlich großartig wäre.
Aber bis dahin finanzieren sich die Kölner Klinikclowns durch Spenden.

Und wenn ihr da einen kleinen (oder großen) Beitrag leisten möchtet, dann findet ihr alles, was ihr wissen müsst, unter koelner-klinikclowns.de

Pimpi, Halli Hallo und natürlich viele Kinder würden sich darüber freuen. …

07 Ein Nachmittag mit den Kölner Klinikclowns

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