SP: Am Anfang erst mal dieses ….
JB: Immer und endlich. Ein Podcast über Leben und Tod.
SP: Das war für diesen Oberpriester da in diesem Dorf… Das war der Horror. Der tat als hätten wir Voodoo vor.

Meine Mutter ist gestorben am 25. September 2015. Und wir haben dann die Trauerfeier gemacht im Oktober. Am 14. Oktober. war dann diese doch sehr schwierig durchzuführende oder überhaupt erstmal zu planende Feier.

Ich bin Sibylle Pieck und bin jetzt 61 Jahre alt.

Das Verhältnis war wirklich sehr schwierig mit meiner Mutter. Im Grunde von meiner Geburt an. Weil ich jetzt auch im Nachhinein herausgefunden habe, dass ich ein „Unfall“ gewesen bin und meine Mutter mich dann ja sehr früh bekommen hat. Sie war 21 Jahre alt, noch nicht verheiratet.

Das war alles eine sehr schwierige Situation. Und sie musste dann heiraten, im 5. Monat. Und in Schwarz. Der Traum ihrer schlaflosen Nächte war natürlich als weiße Braut zu heiraten.

Im Grunde bin ich eigentlich eher so in Trauer geboren. Sie wollte mich definitiv nicht haben. Und mir fehlte auch immer die Zuneigung, die Liebe meiner Mutter, nach der ich mich sehr gesehnt habe. Nach Zärtlichkeit, nach Wärme. Ich bin versorgt worden, ich habe immer alles bekommen, was ich brauchte, aber diese abweisende Haltung ist im Grunde bis zum Schluss geblieben.

Ich habe mein ganzes Leben, oder so lange sie lebte, versucht, einen Zugang zu meiner Mutter zu finden. Ich bin ja so weit gegangen, dass ich sie zur Geburt meines Sohnes mitgenommen habe. Weil ich gedacht habe, wenn sie mich nicht als Tochter annehmen kann, dann vielleicht jetzt als Mutter, als Frau in irgendeiner Art und Weise.
Das war noch eine sehr schlimme Sache, mein Sohn war gerade auf der Welt, und dann hat sie zu mir gesagt, mal sehen, was er zuerst sagen wird: Mama oder Oma.

Im Grunde hat sie wirklich versucht, mir meinen Sohn wegzunehmen. Und dann hat sie auch versucht, mir irgendwie meinen Lebensgefährten abspenstig zu machen. Also sie hat sich wirklich alles genommen. Vielleicht weil ich ihr ja alles genommen habe. Warum auch immer.

Und dann hab ich irgendwann gesagt, jetzt ist Schluss mit lustig. Und hab ihr dann irgendwann einen Brief geschrieben und hab gesagt: Wir können das gerne noch einmal auf eine neue Ebene setzen. Aber mein Sohn ist mein Sohn und mein Mann ist mein Mann. Und wenn du dazu bereit bist, dann gerne. Und wenn nicht, dann nicht. Und darauf hat sie dann nicht mehr geantwortet, das war vielleicht ein Jahr, bevor sie gestorben ist.
Sie hat gesagt, ich will 80 Jahre werden – sie hat über 100 Leute zu ihrer Feier eingeladen, das war im April 2015 – und dann sterb ich. Und sie ist gestorben.
Ich wollte eine Trauerfeier für meine Mutter haben, wo nicht gesagt wird, was für eine supertolle und liebevolle und aufopfernde Mutter sie gewesen ist. Weil sie das in dem Sinne nicht unbedingt war. Ich wollte aber auch nicht hingehen und sie ankreiden oder anschuldigen, was sie alles nicht gemacht hat. Ich wollte es aber so ehrlich wie möglich haben.

Als ich den Herrn Grützner das erste Mal hab tanzen sehen, das war schon einige Zeit, bestimmt ein Jahr vorher. Da hab ich gesagt: Wenn deine Mutter stirbt, willst du das haben. Das war mir schon lange klar.

FG: Mein Name ist Felix Grützner, ich bin 52 Jahre alt. Ich bin Tänzer und Choreograf. Arbeite hauptberuflich im Kontext von Palliative Care, d.h. Hospizarbeit, als Trainer und Kursleiter.
Getanzt hab ich, seit ich laufen kann. Ich hab, bevor ich wusste, was Ballett ist, immer getanzt, wenn ich Musik gehört habe. Hab dann gelernt, zu tanzen, nebenberuflich.
Ich war Messdiener, in der Gemeinde, wo ich herkomme, das ist am Stadtrand von Düsseldorf. Und der Pfarrer meiner Gemeinde wusste, dass ich tanze und der hat mich dazu animiert, im Gottesdienst zu tanzen.
Es waren erst mal freudige Anlässe, zu denen ich getanzt habe, Pfingsten etwa. Aber dann wurde ich auch bald gefragt, im Herbst zu tanzen, zu den Totengedenktagen. Und da hab ich gemerkt, dass Tanz auch da, wo Menschen an ihre Verstorbenen denken, sinnvoll sein kann. Oder vielleicht hilfreich sogar.

SP: Ich hab ihn gesehen, das war so ein Tag des Hospizes, da haben sich die Hospize hier so vorgestellt, und er hat dann in einer Kirche getanzt.

TANZ IN DER KIRCHE
SP: Ich fand das so berührend.
Dann drehte sich halt alles um den Tanz, bei dieser Planung.

Und dann mussten wir das halt so zusammenbringen, dass das funktioniert. Und das war aber für diesen Oberpriester da in diesem Dorf. Das war der Horror. Der tat wirklich, als hätten wir Voodoo vor.
FG: Jeder hat Bilder von Trauerfeiern im Kopf und jeder hat Bilder von Tanz im Kopf, und das passt nicht zusammen.

SP: Und es ist dann so gewesen, dass der Priester mich einen Tag vor der Beerdigung anruft und sagt, so macht er das nicht.

Und dann haben wir uns so geeinigt, dass wir gesagt haben, gut, dann trennen wir das. Also wir machen zuerst den Voodoo und dann kommt er mit seinen Gebeten und allem, was dazu gehört, und wird sie dann bis zum Grab begleiten.

Es ist wohl auch so gewesen, dass während dieser „Voodoo-Feier“, also während des Tanzes, stand der Priester eben draußen und ist erst reingekommen, als der Tanz zu Ende war.

FG: Wenn man aber sieht, was ich mache, dann: Ach so, das kann ich mir vorstellen. Es ist eben ein ruhiger, zurückhaltender Ausdruckstanz und kein Ringelreihen um den Altar und auch nicht ekstatisches Herumgehüpfe.

SP: Ich wollte das unbedingt haben und es war für mich auch wichtig, weil ich gedacht habe, das ist noch mal ein Weg zu meiner Mutter hin.

FG: Man muss Menschen auch mal etwas Neues und Ungewohntes zumuten. Und Zumutung, das finde ich sehr schön, wenn man das Wort so versteht, dass man jemandem dem Mut zuspricht, dass er das auch anschauen kann.

FG: Dieses Ursprüngliche, dieses auf dem Boden mit den nackten Füßen stehen, das ist eine eigene Aussage. Diese Ehrfurcht, wo auch immer man ist und vor dem, worum es da geht. Dass es ein Ausdruck dessen ist, zu sagen, hier bin ich bloß, mit bloßen Füßen.
Wenn ich tanze trage ich eine ganz einfache Gewandung. Das ist eine Hose, die ein bisschen weiter geschnitten ist. So ein bisschen pludermäßig und unten eng. Ich habe ein langärmliges Oberteil aus schlichtem, einfarbigem Stoff. Farben, die ich so habe sind Braun-Anthrazit, es gibt ein Grau, es gibt Weiß und Schwarz. Das spielt eine Rolle, was ich anhabe ist wichtig. Ich bin in der Regel auch geschminkt. Nicht verfremdet geschminkt, sondern eher um bestimmte Dinge zu betonen, vor allem die Augen. Um den Ausdruck zu intensivieren, aber das ist auch wichtig, weil ich eben nicht da stehe als Felix Grützner. Ich bin dann ein Stück weit auch ein Medium.

SG: Er kam ja so von hinten rein. Ich hab ja in der ersten Reihe gesessen, mit dem Rücken dazu. Und er kam rein und hat vorne auch noch mal getanzt. Aber er kam schon tanzend rein. Die Leute, die hinten saßen, haben das ja auch so als Ganzes mitbekommen.
Die meisten Leute wussten nicht, dass er kommt und was wir da vorhatten. Was ich aber hatte, war dieses Gefühl … Es war wirklich eine atemlose Stille. Erst mal „hä?“, schon. Aber dann „ah!“, „wow!“.

FG: Unmittelbar spürt man große Aufmerksamkeit. Menschen sind an dieser Stelle von Tanz sehr intensiv berührt.

SP: Wir haben ja auch gesprochen, was wünsche ich mir, das er tanzt.
FG: Ich möchte viel wissen über den Verstorbenen, aber auch immer – und das ist vielleicht genauso wichtig – über die Menschen, die zurückbleiben.

SP: Und da hab ich ihm gesagt, diese Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Das war immer noch das, was offenstand für mich halt.

FG: Das sind Bewegungen… Abwehr, Hände, die etwas von sich weisen. Sich abwenden, den Kopf abwenden, ein verhärteter Körper, der irgendwann doch auch weich wird.

SP: Es war immer diese wiegende Bewegung, dieses Kindwiegen, das hat er getanzt, diese Zärtlichkeit.

FG: Es ist eher wenig, was ich mache, sehr reduziert, damit Platz ist für die Gedanken, Gefühle, Erinnerungen der Menschen, die das dann sehen.

SP: Ich hab immer mich gesehen, in den Armen meiner Mutter halt.

FG: Es braucht den Mut Emotionen und Gefühlen im Kontext der Trauerfeier Raum zu geben. Wir haben in Deutschland und nördlich der Alpen eher diese Vorstellung: Augen zu und durch. Dabei ist die Trauerfeier der Abschied vom Verstorbenen. Vielleicht ist das der Ort, wo diese Gefühle am ehesten ihren Platz haben.

SP: Es war am Anfang eine große Wut da auf meine Mutter. Da ist ein Riss in diese Wutmauer reingekommen. Und dann kam diese Trauer. Und dann kam auch noch mal, aber schon viel später, wirklich noch mal diese Sehnsucht hoch. Und ich glaube, dass ist total wichtig. Versöhnung, Aussöhnung. Es geht nicht um Schuld, um Sühne. Es geht einfach darum, es alles einfach noch mal anzuschauen. Und dann kannst du das in den Aktenordner stecken. Gut sortieren, immer mal wieder nachgucken, wenn es sein muss, aber ins Regal stellen.

08 Ein guter Abschied

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